"Rettet die Streit"
. . . . wie es aus der geplanten Mülldeponie des Main-Kinzig Kreises nichts wurde

"Rettet die Streit" das war der Name der gemeindeübergreifenden Bürgerinitiative, die sich am Ostersonntag 1987 gründete. Vorausgegangen waren allerlei turbulenter Begegnungen mit Landrat, Bürgermeister und örtlichen Mandatsträgern des Gemeindevorstandes und der Gemeindevertretung.

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Vorgeschichte
Angefangen hatte alles mit einem Artikel im Hanauer Anzeiger im Herbst 1986. Darin stand, dass der Main-Kinzig Kreis eine Restmülldeponie "im Streit", einem größtenteils bewaldeten hügligen Gebiet zwischen Niedergründau und Neuwiedermuß, plante. Als junge Menschen die dort gerne spazieren gingen (ja, das gab es damals noch), die Katastrophe von Tschernobyl noch vor Augen, die Demonstrationen in Gorleben und Wackersdorf wegen der atomaren Entsorgung und Wiederaufbereitung im Gedächtnis, waren wir doch etwas aufmüpfig gegen die Obrigkeit. Die 750-Jahr-Feier der Gemeinde Ronneburg war zu Ende und man traf sich in der Mehrzweckhalle zum Helferabend. Wir hatten natürlich den Artikel im Hanauer gelesen, waren natürlich dagegen und sprachen ein Mitglied des Gemeindevorstandes darauf an. Was wir dann zu hören bekamen lies uns das Blut in den Adern stocken. "Natürlich kommt die dort hin" sagte uns der nun schlagartig unsympatische Herr des Gemeindevorstandes. Eine Diskussion mit jenem Herren der SPD brachte dann nichts mehr, so sehr war er offensichtlich davon überzeugt. Auch andere Mitglieder dieser Partei waren "natürlich" für den geplanten Mülldeponie-Standort. Man muss wissen, dass zu jener Zeit die SPD im Main-Kinzig Kreis die Mehrheit hatte und den Landrat Karl Eyerkaufer und den ersten Beigeordneten Erich Pipa stellte. Wenn die SPD im Kreis was beschließt, dann kann die örtliche SPD natürlich nicht dagegen sein. Wir (das waren Tim Heinemann, Gernot Kaldowsky, Lisa und Charlotte Graef, sowie ich, Peter Schart) trafen uns dann in Krishas Pub, das war dort wo jetzt die Eckkneipe am Dorfplatz in Hüttengesäß ist und dachten uns einen Schlachtplan aus wie diese Deponie verhindert werden könnte. Wir dachten, wenn wir nur die Bevölkerung darüber informierten, dann würde sich eine neues Gorleben auftun. Na ja, ziemlich naiv waren wir da schon.

Die Bürgerinitiative wird gegründet
Wir bekamen allerdings weitere Unterstützung und jemand, dessen Namen ich hier nicht nennen will, übernahm die Führung der "Organisation". Es wurden bunte Karten gemalt die den Deponiestandort zwischen den Dörfern zeigte und Plakate aufgestellt. So richtig beeindruckt war davon allerdings niemand. Aber es brachte eine gewisse Diskussion ins Dorf, ja in die ganze Gemeinde. "Die Presse muss hinzugezogen werden" und so wurde eine erste Demonstration von Bürgern aus Neuwiedermuß vor dem Gelände "Im Streit" organisiert. Zu unserer Freude kamen auch einige Leute aus Niedergründau. Es wurde ein paar Reden gehalten und hinterher stand es mit großem Bild in der Zeitung. Dies brachte dann noch mehr Leute dazu darüber nachzudenken.
Am Ostersonntag des Jahres 1987 traf man sich in der Alten Schule zu Neuwiedermuß und gründete offiziell die Bürgerinitiative "Rettet die Streit". Ein bunter Haufen war das, Bauern, Jäger, Manager, Rentner, Bänker, Kommunisten, Grüne, CDU-Leute, auch ein paar SPD-Mitglieder und wir mittendrin. Eine große Demonstration an der Florianhütte "Im Streit" wurde vorbereitet die am 1. Mai stattfinden sollte.

Kleiner Flächenbrand
Als wir mit einer Abordnung der Bürgerinitiative bei Herrn Landrat Eyerkaufer waren, machten wir den Vorschlag, die Restmülldeponie doch im Steinbruch von Breitenborn anzulegen. Dieser liege weit genug entfernt von jeglicher Wohnbebauung und würde somit niemanden belästigen. Am nächsten Tag stand es in der Zeitung und flux darauf bildete sich in Gründau-Breitenborn auch eine Bürgerinitiative gegen eine Mülldeponie. Das Thema Müll erreichte immer mehr Menschen.

Die erste Demo
So viele Menschen hatte die Florianhütte noch nicht gesehen. Über 1000 Leute waren gekommen (der hessische Rundfunk sprach später von 2000) und hörten sich die kläglichen Erklärungen des Landrats an der versuchte die Deponie an diesem Standort zu verteidigen. Ich glaube, es war das erste mal dass der Landrat ausgepfiffen wurde. Der erste Beigeordnete des Main-Kinzig Kreises der auch Umweltdezernet war bekam von der Bürgerinitiative den Titel "Mülldezernent" verpasst. Sogar in der Presse wurde nur noch vom Mülldezernenten gesprochen. Die allermeisten der Demonstranten kam sicherlich aus dem Gründauer Raum, dann die aus Neuwiedermuß und Altwiedermus und auch ein paar aus dem Ortsteil Hüttengesäß. Ich glaube die Hüttengesäßer waren zu 80% für den Mülldeponiestandort, was sich später noch rächen sollte.

Bürgerversammlung
Eine Bürgerversammlung wurde einberufen. Die Politiker oben auf dem Podium hatten keinen leichten Stand. Da der Bürgerinitiative das Gutachten zugespielt wurde das der Main-Kinzig Kreis wegen der Erforschung des geplanten Deponiegeländes in Auftrag gegeben hatte, konnten wir uns sehr gut vorbereiten. Die beiden Männer vom Gutachter-Ingeneur Büro waren froh als das Ganze vorbei war und sie den Saal verlassen konnten. Wir konnten das Gutachten ziemlich auseinander nehmen, z.B. stimmten Abstände von der Deponie zur Dorfbebauung nicht u.s.w., es war eine "gute" Stimmung im Saal. So mancher "Orts-Hobby-Politiker" kam ins Grübeln und mit diesem Gutachten war in Sachen Müll nichts mehr zu machen. Der Protest erreichte im Ortsteil Neuwiedermuß sehr starke Ausmaße. Die Hanauerstraße war mit Plakaten nahezu zugepflastert. In Irmgard Mohns Laden hing ein riesengroßes Transparent.

Ohne (viel) Müll gehts auch
In Sachen Müll fand natürlich bei vielen ein Umdenken statt, man war sensibilisiert für das Thema und man achtete auf Müllvermeidung. Es gab auch eine Aktion einiger Mitglieder der damaligen Ronneburger SPD-Fraktion, die bei einigen Mitgliedern der Bürgerinitiative die Mülltonnen kontrollierten (!) um nachzusehen, ob das mit der Müllvermeidung auch ernst genommen wird. Wie in einem Abschnitt vorher schon geschrieben, die Ronneburger SPD war mit einigen Ausnahmen für den Standort "im Streit". Die Freiwillige Feuerwehr Neuwiedermuß übernahm bei ihrem Jubiläumsfest im Jahr 1988 eine Vorreiterrolle in Sachen Müllvermeidung. Erstmals wurde bei einem größeren Fest (das über vier Tage ging), nicht mehr Wegwerfgeschirr aus kunststoffbeschichteter Pappe oder Plastikgeschirr verwendet sondern es wurde ausnahmslos Porzellangeschirr verwendet das mit einer Industriespülmaschine wieder gespült wurde. Dies wurde bis heute beibehalten.

Rückschläge
Eine neue Untersuchung für ein Gebiet einer möglichen Restmülldeponie wurde von einem Institut durchgeführt. Das Institut wurde von der Bürgerinitiative vorgeschlagen und vom Main-Kinzig Kreis beauftragt. Umso größer war die Überraschung für uns, dass wieder das Gebiet "Im Streit" als mögliche Deponiefläche in Frage kam. Die geologischen Verhältnisse sind wahrscheinlich hier in der Gegend optimal bzw. am wenigsten schlecht. Die einen jubelten und wir waren etwas geknickt.

Das Ende in Kurzform
Mittlerweile hatten wir ein Mitglied der Bürgerinitiative im Kreistag. Marita Eichmann-Hartig hatte es bei der Kreistagswahl für die Grünen geschafft. Die Mehrheitsverhältnisse änderten sich auch etwas. Die SPD musste mit den Grünen koalieren. Neuer Verantwortlicher in Sachen Müll im Main-Kinzig Kreis wurde der von den Grünen vorgeschlagenen Dr. Friedrich, manche nannten ihn auch den Müllpapst Deutschlands. Es wurde wieder eine Untersuchung in Auftrag gegeben. Das Gebiet um Ronneburg war wohl prädestiniert für Mülldeponien, denn als möglicher Standort wurde ein Gebiet vor Ronneburg-Hüttengesäß (Hohestein-Eckeberg) in Betracht gezogen. Das passte der Ronneburger SPD-Riegierung allerdings gar nicht in den Kram. Endlich wurde man mal wach. War man vorher noch für eine Mülldeponie "Im Streit" gewesen, so schwenkte man jetzt um, denn für eine Mülldeponie vor den Toren Hüttengesäß konnte man nicht wirklich sein, zu viele Wählerstimmen standen auf dem Spiel. Eine neue Bürgerinitiative entstand und daraus eine neue Partei die in Ronneburg zur Kommunalwahl antrat und aus dem Stand ca. 30% der Wählerstimmen holte. Dr. Friedrich plante eine gigantische Restmülldeponie mit verschiebbarem Dach damit kein Regen eindringen konnte. Der Main-Kinzig Kreis kaufte das Gebiet für mehrere Millionen Deutsche Mark. Zwischenzeitlich gab es eine auf Bundesebene beschlossene "Technische Anleitung Siedlungsabfall". Darin wurde festgelegt, dass nur noch wärmebehandelter Restmüll deponiert werden darf. Die Restmüllmenge würde sich dann auch radikal reduzieren. Brauchte man dann überhaupt noch eine große Restmülldeponie? Eine Müll-Konversionsanlage wurde geplant (ich glaube am Hanauer Hafen), aber nicht verwirklicht da der Schadstoffausstoß zu groß gewesen wäre. Der übriggebliebene Müll sollte dann auf die geplante Restmülldeponie.

Nun, wie wir heute wissen wurde es nichts mit der Müll-Konversionsanlage und auch nicht mit der Restmülldeponie. Weder am Hohestein-Eckeberg noch "Im Streit". Der Main-Kinzig Kreis hatte viele viele Millionen Mark ausgegeben für nichts und wieder nichts. Manche böse Zungen behaupten, dass alles was Erich Pipa in Sachen Müll in die Hand nahm, in die Hose ging.

Wir jedenfalls haben etwas organisiert, wir haben uns mit den "Oberen" angelegt, wir hatten das Ziel vor Augen - "Rettet die Streit"

Fazit: nur wer nichts tut hat schon verloren,
wir haben etwas getan und hatten Erfolg damit

Das erste Plakat („Streit Mülldeponie“) wurde kreiert von Hartmut Barth-Engelbart aus Mittel-Gründau, das rote von Reinhold Busch

(Geschichte aus dem Gedächtnis)